Startseite
    SchreiB/Blockade
    Was ich in der Uni gelernt habe
    Lebensretter
    Neue Identität
    Daily Soulstrip
    Philosophisticated
    My Announcements
    PS: Songwriter?
    verbildLichT
    the uncute.
    Mr. John Doe
  Über...
  Archiv
  psYchoshit - sowas wie ein Roman
  ...13 - Der Rückblick
  ...Sinn
  ...Wahn
  ...A; B; C
  ...Lisboa
  ...der Ami-Action-Film
  Kontakt
 



  Freunde
    enfant-novembre
    pelztierchen
    - mehr Freunde




  Links
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   novemberKind blog
   Da Sofias BloG
   MitStudentin_Namensvetterin^^
   le Studentenverzeichnis
   
   Synesthesia
   sMiLiEs
   eLouai's Doll Maker
   InternetMovieDataBase





Mein Soundtrack:
- REM.EndOfTheWorldAsWeKnowIt
- Oasis.BetterMan
- TurinBrakes.Underdog
- GreenDay.Westbound
- KTTunstall.OtherSideOfTheWorld
- LennyKravitz.Flash
- PiratesOfTheCarribbeanTheme
- ElvisPresley.SuspiciousMinds

02/2007

http://myblog.de/verwirrteskind

Gratis bloggen bei
myblog.de





[update: 28.12.06]

Ja, ich beziehe mich hier auf die Kategorie, die es auch im blog meiner geschätzten Freundin Carö a.ka. Pelztierchen gibt und das hat so seine Gründe...

...DENN DAS HIER DARF CARO AUCH NICH LESÄN ALSO KUSCH DICH :P

...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...
...


[alex.451]
von vera keitmeier (das lied die geschichte hab ich ganz allein geschrieben!...XD)

- - -

INDEX

::: aurelie.1

::: kapitel.1

::: aurelie.2

- - -

aurelie.1

Aurelie bestaunte die Hässlichkeit des menschlichen Wesens.
Sie starrte in den Spiegel und ihr mürrisches anderes Ich starrte zurück. Der Spiegel war von einem leichten Schmierfilm bedeckt und wies mehrere Fingerabdrücke auf, und gleichzeitig schmückten sie das Gesicht von Aurelies Spiegel-Ich. Fettige Haut, glänzende Stirn. In Aurelies Augen waren ihre Poren riesige Vulkane auf ihren Wangen, ein durchsiebtes Antlitz, Krater, die jedes Staubkorn, das durch die Luft segelte, gierig in sich aufsogen. Aurelie kam sich vor wie eine Bombe aus Dreck und Aggressionen, die jeden Moment explodieren konnte. Eyeliner verursachte schwarz gefärbte Grömmel in ihren Augenwinkeln. Ein schmerzhafter, eitriger Pickel pulsierte da, wo man ihn übermalen, aber nicht verstecken konnte. Das alles ergab eine formale Analyse der Nahansicht von Aurelies Gesicht.
Aber wenn man das Mikroskop wegnahm und sie aus einer normalmenschlichen Perspektive betrachtete, war sie eine recht hübsche 17jährige, die ein wenig Make-up trug, um die Spuren der Post-Pubertät zu verdecken. Schwarzgefärbte Locken fielen ins skeptische Gesicht.
Unter der Lupe sieht alles anders aus.
Sie streckte den Zeigefinger aus, tupfte sich das Blut von der Zunge, die sie sich aufgebissen hatte und drückte den roten Tropfen auf die kalte Spiegeloberfläche. Für einen Augenblick sah sich Aurelie mit einem roten Punkt auf der Nase. Dann fiel der Spiegel herab und zerbrach.
- - -


kapitel.1 - [der fall]

Alex versuchte verzweifelt, mit dem Rauchen anzufangen. Die aktuelle Situation war vollkommen inakzeptabel. Er vertrat die unerschütterliche Ansicht, ein Privatdetektiv müsse einfach rauchen, das gehöre, wie hieß es doch gleich, zum Flair, und war in bestimmten Lebenslagen einfach unumgänglich.
Nehmen wir Jetzt, zum Beispiel.
Alex saß in seinem alten, grauen Volvo, der wie sein Besitzer den besten Jahren schon den Rücken gekehrt hatte, und sah die Nacht in Form von windschiefen rostigen Wolkenkratzern vor seinen Fenstern verwischen. Der Regen prasselte auf das Blechdach und lief in Strömen die Scheiben hinunter. Die Scheibenwischer kamen schon lange nicht mehr dagegen an.
Nun fuhr Alex also in seinem Wagen durch irgendein unwirtliches, verlassenes Viertel der Stadt und sehnte sich nach einer Zigarette. Er schob es auf das Wetter, dass es ihm momentan versagt war, das Auto zu verlassen, um einen Zigarettenautomaten zu suchen. Er lenkte sich von dieser Misere ab, indem er überlegte, ob es nicht viel edler wäre, Zigarren zu konsumieren, oder zumindest Zigarillos. So eine Havanna im Mundwinkel im richtigen Augenblick würde ohne Zweifel Wunder bewirken. Aber woher jetzt Zigarren nehmen?
Alex stellte sich den glühenden Punkt vor, der von Zeit zu Zeit in seinem kleinen, von Regen überschütteten Wagen aufglimmen würde.
Aber wen interessierte das überhaupt? Es war ja niemand da. Er war ein Mann auf der Suche nach ein bisschen Spaß, am liebsten in Gestalt eines Falles, der seinem öden, arbeitsarmen Detektivdasein endlich einen Sinn verleihen würde.
Er ahnte ja nicht, was noch auf ihn zukommen würde…
- - -

Alex hatte sein Büro am Bahnhof.
Intensive Recherche und Untersuchungen von zuverlässigen Quellen (Jerry-Cotton-Groschenhefte; Humphrey-Bogart-Filme) hatten ihn zu dem Schluss kommen lassen, dass sich Detektiv-Büros immer in besonders verruchten und finsteren Gegenden befinden mussten.
Nur war der Bahnhof weder verrucht noch finster, und überhaupt wies die Stadt einen eklatanten Mangel an Orten auf, die einem in irgendeiner Weise Respekt einflößen konnten, aber zumindest fühlte man sich bei den heruntergekommenen Fassaden und den heruntergekommenen…Passanten…unwohl am Bahnhof, und das war ja schon mal was.
Alex’ Ziel war ein mehrstöckiger Wohnkomplex, dessen Erdgeschoss billigen Kleidungsgeschäften, einem Sparkassenschalter und einer Spielhalle vorbehalten war. Das Detektivbüro befand sich in der zweiten Etage direkt gegenüber von einer Frauenarzt-Praxis. Seine Tür sah genauso aus: sprechzimmermäßig. Helles Pinienholz mit weißem Plastikschild, auf dem der Name des Besitzers stand. Nur, dass anstelle von „Dr. gyn. psych.“ das Wort „Detektiv“ dahinter prangte.
Und nun stellen Sie sich vor:
Ein einziger Raum, düster, muffig, das Fenster mit einer zerfledderten kotzgrünen Jalousie behangen, durch deren schmale Spalten kaltes Licht scheint, in dem Staubflocken tanzen und das auf den alten wurmstichigen Schreibtisch fällt, der in der Mitte des Raumes steht, sodass derjenige, der in dem klapprigen Bürorollstuhl sitzt, genau die Eingangstür mit den Einschusslöchern im Blick hat. An einer Wand stehen ein zerknautschtes Ledersofa, in das man so einsinkt, dass man mit dem Arsch den Boden berührt, und ein schmutziger weißer Kühlschrank, dessen Inhalt nur aus Bier und TV-Snacks besteht. Hauptnahrungsmittel ist jedoch der Whisky in der untersten Schreibtischschublade. Neben der Tür steht außerdem ein Kleiderständer, auf den wunderschöne, verzweifelte Ladies, die der Hilfe des Ermittlers bedürfen, beim Hereinstürzen dramatisch ihre Pelzstola werfen können.
Haben Sie ein ungefähres Bild im Kopf? Gut. Dann stellen Sie sich genau das Gegenteil dessen vor und Sie haben eine Vorstellung von Alex’ Büro. Eine invertierte Darstellung von jedem 40er-Jahre-Krimi.
Weiße Wände und Laminatboden. Ein Sekretär mit sauber gestapelten Akten. Drei rote Polsterstühle auf einem weißen Flokati. Eine kleine Einbauküche mit Kühlschrank, Mikrowelle und Waschbecken. Eine Tür mit einem Schild, auf dem ein dicker Mönch mit fröhlichem Grinsen und Herzchen-Boxershorts darauf hinwies, dass dies der Ort sei, zu dem der Papst auch zu Fuß hingehe.
Alex seufzte. Er seufzte immer, wenn er hereinkam und das Büro in sein Gesichtsfeld sprang: hell, steril und einfach perfekt.
Alex gab sich große Mühe, zerknüllte Zettel am Mülleimer vorbei zu werfen und seinen Tomatensaft mindestens einmal pro Woche auf dem Teppich zu verschütten, um Assoziationen an eine interessantere rote Flüssigkeit zu wecken, doch seine Putzfrau, die er aufgrund seiner Stauballergie alle zwei Tage kommen lassen musste, machte sein mühsam erstelltes Chaos jedes Mal zunichte. Sie bekam durch irgendwelche perversen, alchimistischen Experimente sogar die roten Flecken aus dem Flokati und ermahnte Alex mütterlich, er solle doch mal etwas vorsichtiger sein.
Er sei ja so ungeschickt, der Gute!
Alex hatte genau im Ohr, wie das klang, wenn sie, Conzuela, es in ihrem spanischen Akzent sagte. Er nickte immer gehorsam und dachte gleichzeitig, Setz dich durch, du bist der Boss, sie kriegt doch Geld fürs Saubermachen!
Ah, ja, Geld. Das Besitzen von Geld setzte Aufträge voraus, und eifersüchtige Ehemänner als einzige Einnahmequelle waren ebenso langweilig wie rar.
Aber Conzuela kam manchmal einfach aus Mitleid um nachzusehen, was Alex mit seinem Tomatensaft anstellte. Sie mochte Alex.
Was für ein Witz.
Detektive mochte man nicht.
Detektive waren mürrisch und zwielichtig und hatten wüste, aber attraktive Dreitagebärte vom nächtlichen Arbeiten. Wenn Alex seine Stoppeln stehen ließ, sah er aus, als hätte ihn ein Igel attackiert. Und wenn er versuchte, sexy zu gucken, ähnelte er einer Bulldogge mit Blähungen. Er arbeitete tagsüber und schaute sich ,Columbo’ vor dem Schlafengehen an, nicht ohne einen gewissen Neid zu verspüren, da der Fernsehkollege jeden Donnerstag einen Fall hatte, also geregelte Arbeitsverhältnisse.
Der gemeine Leinwanddetektiv hatte außerdem einen Gehilfen, der in sieben von 10 Fällen eine kriminelle Vergangenheit hatte und in neun von 10 Fällen schwarz war, männliche Charaktere mit „Hey, Bruder!“ oder „Yo, Man!“ anredete und mindestens einmal im Film „Motherfucker!“ brüllte. Alex hatte das Gefühl, die Quotenschwarzen müssten eine Art Slangwort-Repertoire abdecken, damit der Film ein Erfolg wurde.
Alex hatte keinen Quotenschwarzen. Er hatte eine Gynäkologin.
Der Meisterdetektiv hatte sich gerade in seinem blauschwarzgestreiften Bürorollstuhl mit Nackenstütze zurückgelehnt, als die Tür aufgeschlagen wurde und Emma hereinstolzierte. Emma gehörte die Praxis nebenan. Sie war ungefähr 30 bis 50 Jahre alt, hatte kurze, gestufte blonde Haare und lange, feine Lachfalten um den Mund. Da ihre Patienten ausschließlich weiblich waren und alle aus demselben Anlass kamen, konnte sich Alex des unangenehmen Eindrucks nicht verwehren, dass Emma ihr zweites Fachgebiet, Psychologie, regelmäßig an ihm austestete. Aber sie hatte immer 1000 gute Gründe, sein Büro zu stürmen. Diesmal war es wieder –
„ – der Computer. Ich kann nichts dafür, dass der Sicherungskasten für die gesamte Etage in deinem Büro hängt, Alex, und wenn der PC abstürzt, legt er gleich immer die ganze Praxis flach, ich habe schon den Elektriker bestellt, aber da vertröstet man mich immer, er war immer noch nicht da und ich habe vor vier Wochen angerufen, und die arme Praktikantin kennt sich auch nicht mit der Technik aus, was will man da machen!“
Während sie das sagte, rannte Emma auf den Schreibtisch zu, wirbelte herum, gestikulierte mit den Händen, warf ihren Aktenordner auf einen der roten Sessel, lehnte sich an die Wand, wippte mit den Füßen, bediente sich an Alex’ Tomatensaftglas und blieb schließlich mit verschränkten Armen in der Mitte des Raumes stehen. Alex’ Augen hatten sie die ganze Zeit verfolgt und jetzt starrte er sie an, ein bisschen von der Rolle, weil der Redeschwall so plötzlich gestoppt hatte. Alex öffnete den Mund und sagte nach fünf Sekunden:
„…Guten Morgen, Emma. Und wie is’ sonst so?“
Emma grinste mit ihren schmalen roten Lippen. „Ach, wie soll’s sein, Al, ist alles wie immer. Siehst müde aus, hattest du eine anstrengende Nacht?“
Alex stand auf und schleppte sich zum Sicherungskasten neben der Eingangstür. „Natürlich. Drei Festnahmen, Verfolgungsjagd auf einem frisierten Motorrad, zehn Autos zu Brei gefahren, einen Geiselnehmer erschossen und ein Drogennest auffliegen lassen. Ich habe mir mit einem Korkenzieher zwei Kugeln aus der linken Arschbacke gezogen und die Wunden selbst genäht.“
Emma nickte langsam vor sich hin. „Monotonie –“
„ – auf der ganzen Linie“, endete Alex ruhig. Er schlug die Tür des Kastens zu, fiel in einen Sessel und verschränkte die Arme vorm Gesicht.
„Wir könnten ja mal tauschen!“, schlug Emma vor.
„Was. Du wirst Detektivin und ich mache –“
Alex hob einen Arm um zwei Zentimeter und linste zur Ärztin hinüber.
„Warum denn nicht? Es ist der beste Weg um –“
„ – Frauen kennen zu lernen, komm mir bloß nicht damit.“
„Du brauchst eine Abwechslung zu Tomatensaft und ,Columbo-Abenden! Ich glaube, dass –“
„HAST du keine Patientinnen, die wehmütig auf dich warten?“
Emma seufzte. „Ja, ich fürchte schon. Ich wünsche dir einen aufregenden Arbeitstag!“
„Ich mir auch“, murmelte Alex und hörte, wie die Tür ins Schloss fiel. Als zwei Minuten herrlicher Ruhe und Ereignislosigkeit vergangen waren, quälte er sich aus den Polstern, kehrte auf seinen Bürorollstuhl zurück, öffnete die unterste Schreibtischschublade und holte hervor, was in jedem konventionellen Krimi eine Flasche mit 50 Umdrehungen, in seinem Fall aber ein Agatha Christie – Taschenbuch mit vergilbten Seiten und jeder Menge Eselsohren war. HERCULE POIROT LÄSST BITTEN – Kurzgeschichten über den Meisterdetektiv mit den kleinen grauen Zellen.
Alex las ihn, weil er sich verstanden fühlte, denn Poirot war ebenfalls kein typischer Hut-Knarre-Whisky-Detektiv. Andererseits war er ein kleiner, belgischer, aufgeblasener Wichtigtuer, also passte Al auch nicht in dieses Bild (…hoffte er). Trotzdem las er die Stirn runzelnd und konzentriert die Lösung eines Mordfalls, die nur Poirot (und seine Erschafferin) selbst kennen konnten, weil die ganze Geschichte über Informationen verschwiegen wurden, mit denen der Ermittler auf den letzten Seiten ins Rampenlicht trat und daraus eine haarsträubende, aber zutreffende Erklärung spann, auf die der faszinierte Leser unmöglich hätte kommen können.
Alex blätterte murmelnd weiter und las: „Es klopfte zaghaft an der Tür, so als ob derjenige, der da um Eintritt bat, gar nicht wirklich hineinkommen wollte.“
Alex linste kurz nach oben, las dann aber weiter. Es klopfte zaghaft an der Tür, so als ob derjenige, der da um Eintritt bat, gar nicht wirklich hineinkommen wollte. Alex hielt das Buch vors Gesicht und knurrte: „Jaaah, was ist denn NOCH?“
Die Tür ging mit einem Knarren auf, als hätte ein leichter Wind sie erfasst. Da nicht sofort wieder ein Redeschwall über ihn hereinbrach, hob Alex verwundert den Kopf. Eine Frau stand im Türrahmen und wirkte recht unentschlossen.
„Äh, die Praxis ist nebenan!“, erklärte Alex. „Hier ist ,Detektei’ – steht auch auf dem Schild.“
Seine Augen erfassten schon wieder den Anfang einer neuen Seite, doch –
„Ja, hrm, dann bin ich also hier richtig, glaube ich, ha…“
Wieder spähte Al nach oben. Und dann durchzuckte es ihn – ACH DU SCHEIßE. EINE KLIENTIN!
Er schleuderte das Buch weg, sprang auf und warf dabei sein Glas Tomatensaft auf den Teppich (zum allerersten Mal nicht aus Absicht), stürzte auf die verunsicherte Dame zu, schob sie herein, schloss die Tür, entschuldigte sich für die unglückliche Begrüßung – „…bedauerliches Missverständnis…“ – half ihr aus dem Mantel und bot ihr einen Stuhl an. Die Frau lächelte ihn zweifelnd an und wollte sich niederlassen.
„Oh, entschuldigen Sie, da liegen Akten von Ihnen, ich hätte mich fast draufgesetzt…“
Sie reichte ihm den Hefter, hielt aber kurz inne, als sie die Aufschrift sah.
„…Ähm…nun, ja, das ist wohl Ihre persönliche Angelegenheit, glaube ich…hrm.“ Wieder lächelte sie und Alex nahm den Ordner entgegen. Die Überschrift lautete: VERLETZUNGEN NACH GESCHLECHTSAKT ODER MASTURBATION.
Alex spürte die Hitze von den Zehen bis zum Kopf aufsteigen, wusste, dass jede Richtigstellung überflüssig und unglaubwürdig wäre und beschloss, an der Tür einen Elektroschocker anzubringen, der in Kraft treten würde, sobald Emma sein Büro betreten wollte. Er hörte sich sagen:
„RECHERCHEN für einen besonders schlüpfrigen Fall wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Alex’ allererste Klientin ever – „Nennen Sie mich Eudelia!“ – war eine Klientin, wie sie im Buche stand. Beziehungsweise: wie sie NICHT im Buche stand, der werte Leser wird es sich bereits denken können.
Liebreiz und Eleganz verteilten sich auf ziemlich VIEL Frau. Wenn man gemeinhin Birnen und Gitarren mit dem weiblichen Körper verglich, war in diesem Fall der Vergleich mit einem Fass angemessen, das einen moosgrünen Regenmantel trug und einen runden, geröteten Kopf mit viel zu Rot gefärbten Haaren nebst einem runden Blümchenhut besaß.
Eudelia litt offensichtlich an Atemnot, verursacht durch die zwei Treppen mit den zehn Stufen, die sie hatte steigen müssen, um die Detektei zu erreichen. Ihre hastige, fast hysterische Stimme verriet, dass sie mit ihrem Anliegen nur einen Privatermittler aufsuchte, weil die Polizei sie an die Kollegen mit den weißen Klamotten weitergereicht hätte.
,Gut für mich’, dachte Al und war die Freundlichkeit in Person. Eudelia hatte einen dicken Schweißfilm auf der Stirn und beugte sich verschwörerisch nach vorn.
„Sie werden mich vermutlich für etwas seltsam halten…“
Sie mich auch, dachte Alex mit der Hand auf Emmas Aktenordner.
„…aber ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen!“, beteuerte Eudelia. Sie sprach, als würde sie einer Nachbarin etwas anvertrauen, von dem sie versprochen hatte, dass sie es nie jemandem anvertrauen würde. „Der alte Larsson vom Erdgeschoss und meine Tochter WOLLTEN nicht nachschauen, weil sie mir nicht geglaubt haben! Also will ich von offizieller Seite wissen, dass ich nicht verrückt bin.“
Das kann ja heiter werden, dachte Alex und fragte:
„Sehen Sie, Frau – Eudelia – wieso sagen Sie mir nicht erst einmal, worum es überhaupt geht?“
Eudelia nestelte mit feuchten Fingern an ihrer Falsches-Krokodilleder-Handtasche herum. „Hrm, häm…ach, ich kann es Ihnen mit Worten nicht beschreiben, darum geht es ja, Sie würden es ja doch nicht verstehen!“
„Was soll ich denn dann Ihrer Meinung nach tun?“
„Einfach nachschauen! Ich zahle Ihnen 50 im Vorraus!“ Eudelia nickte fest entschlossen. „Wenn Sie in meinen Keller gehen!“
Alex lächelte nur mit dem Mund, als er zustimmend den Kopf neigte.
50 Mäuse, damit ich mit der guten Frau in den Keller gehe… Was ist mit der guten alten Zeit, als es noch darum ging, Typen in Bars zu beschatten und die Tischtänzerin nach Hause zu begleiten?
- - -

Mehrfamilienhäuser mit fünf Stockwerken, grau-gelbliche Fassaden.
In diesem Viertel nahe der Innenstadt sah alles gleich aus, verschlissen und eintönig, praktische Gebäude, die den einzigen Zweck besaßen, möglichst viele Wohnungen auf möglichst wenig Platz unterzubringen.
Wie das wirklich immer ist in solchen Fällen, lag die Wohnung von Alex’ Klientin direkt unterm Dach. Natürlich gab es keinen Aufzug. Der Detektiv blieb auf der obersten Stufe stehen und stützte sich keuchend an der Wand ab. Für den Moment war er froh, dass seine Lunge nicht zusätzlich durch Nikotin belastet wurde, aber leider war er, wie er sich jetzt zähneknirschend eingestehen musste, auch nicht mehr der Jüngste.
Als er sich einigermaßen gefangen hatte, schickte er sich an, an die Haustür zu klopfen, doch die ging in diesem Augenblick auf und Eudelias rotes, rundes Gesicht strahlte ihm entgegen.
„Auf die Minute genau!“, freute sie sich. „Ich wusste, dass Sie da sind, wegen der Töle von unten.“
Alex lauschte kurz – Tatsache, ein dumpfes Kläffen einer vermutlich recht kleinen Hunderasse drang vom unteren Stockwerk herauf.
„Der schlägt sofort Alarm, sobald irgendwer das Treppenhaus betritt“, plauderte Eudelia in geschwätziger Empörung. „Der Türke hat ihn einfach nicht im Griff. Wissen Sie, eigentlich habe ich ja nichts gegen Türken, aber DER …“
Alex nickte; er wusste tatsächlich. Leute, die EIGENTLICH NICHTS gegen eine beliebige Subspezies hatten, waren ihm bisweilen mehr zuwider als Leute, die ihre Abneigung offen zugaben.
Eudelia klatschte die Hände zusammen und riss ihn damit aus seiner Gedankenwelt.
„So! Können Sie es jetzt sofort tun?“
„Sofort – was, entschuldigen Sie, was tun?“
„Ja, nachschauen natürlich, hier ist der Kellerschlüssel!“
Es klimperte und Alex nahm den Schlüssel entgegen, zusammen mit einer Geldnote, die eine 50 trug. „Äh, im Keller, ja? Sie kommen nicht zufällig mit, oder?“
„Ooooooooooh nein!!!“, Eudelia schüttelte heftig den Kopf, sodass ihr Doppelkinn dramatisch hin und her schwappte. „Da geh ich nicht noch mal rein!!! – Es ist Zimmer 5.“
„Ist klar.“
Alex seufzte und machte sich an den Abstieg. Rauf. Runter. Danach wieder rauf…und wieder runter. Er fragte sich, welcher absolute Vollidiot behauptet hatte, einmal Treppensteigen würde das Leben um sieben Sekunden verlängern. Lunge und Kreislauf protestierten lautstark dagegen.
Im Erdgeschoss angelangt wollte der Detektiv gerade die letzten Stufen bewältigen, als es rasselte und eine Wohnungstür aufging. Zumindest einen Spalt breit, sie war mit einer Sicherheitskette versehen.
„Wer sind Sie?“, knurrte eine heisere Kehlkopfmikrofonstimme. Al drehte sich um und sah einen Mann, der vom Alter her gut hätte tot sein können. Anstelle von Gesichtszügen hatte er Falten und seine Glieder wirkten wie bizarre Äste, die von einem knorrigen windschiefen Baum abstanden. Auf seiner Nase ruhten zwei Glasbausteine, die seine Augen auf lächerliche Weise vergrößerten.
„Sie sind…Larsson?“, kombinierte der Detektiv.
„Wer will das wissen?“, krächzte der Alte.
„Ähm…die Dame aus dem Fünften schickt mich. Wegen… den Ratten! Den Ratten in ihrem Kellerraum!“
Der alte Larsson hustete irgendwas verärgert vor sich hin, bis er grummelte:
„Ratten. Die Dame hat keine Ratten, die hat einen Knall.“
Es rasselte wieder und die Tür wurde zugeschlagen. Alex hob die Schultern und stieg in den Keller herab.
Der Geruch von Staub und feuchten Steinwänden, die Moos ansetzten. Eine bittere Note, weil es keine Fenster gab, die Frischluft hereinlassen konnten. Nr. 5 befand sich ganz hinten.
Alex schloss die Tür auf und drückte den Lichtschalter. Wie zu erwarten gewesen war, blieb alles dunkel. Alex drückte ein paar Mal lustlos auf dem Knopf herum, aber das überzeugte die Lampe auch nicht davon, anzugehen.
Der angebliche Rattenfänger ging noch einmal zum alten Larsson und kehrte zwei Minuten später mit einer schweren Taschenlampe zurück, die er sich nach viel gutem Zureden hatte leihen dürfen. In Raum Nr. 5 knipste Alex die Taschenlampe an und bemerkte erst auf den zweiten Blick, was hier nicht stimmte.
Erstens fehlte der muffige Geruch des restlichen Kellers. Ausschlaggebend war aber Zweiteres: das Licht wurde nicht reflektiert. Alex dachte, die Taschenlampe sei vielleicht kaputt, was er ausschließen musste, nachdem er die Lampe auf sein Gesicht gerichtet hatte, um dann erst einmal die bunten Pünktchen wegzublinzeln. Also, die Taschenlampe funktionierte, doch es schien nichts zu existieren, auf das sie scheinen konnte.
Dann ging Alex zwei Schritte in den Raum hinein.
Und seine Sinne explodierten.
Er ließ die Lampe fallen und hörte keinen Aufprall.
Alles war so strahlend weiß, dass er die Augen zusammenkniff und seinen Arm davor presste. Trotzdem hatten sich grelle Linien in seine Netzhaut eingebrannt, Linien, die ihn verwirrten, Ziffern und Buchstaben. Wörter. FLORA IST DOOF. MONOTONIE. MEIN KOPF IST SO LEER. 4. 5. 1.
Neben den Zeichen ein gekritzeltes Strichmännchen am Galgen.
Alex hörte donnernd und Trommelfell zerfetzend laut, wie ein stumpfer Gegenstand über eine raue Oberfläche schabte, blitzschnell, und mit der gleichen Geschwindigkeit fühlte er plötzlich Schnitte, wie von der Spitze eines Stocks oder einer stumpfen Klinge, die über seine Haut rasten und ihn zerfetzten. Alex krümmte sich vor Schmerz, stolperte vorwärts und alles war vorbei.
Alex kniete auf kaltem Steinboden. Der Geruch war wieder da und die Schmerzen waren weg. Und als er sich traute, die Augen zu öffnen, fand er sich im Flur wieder, außerhalb des Kellerraums. Sein Kopf fuhr herum.
In Nr. 5 war alles dunkel.
Die Taschenlampe rollte langsam aus der Finsternis hervor. Glasfassung und Glühbirne waren zerbrochen. Alex tastete benommen nach dem Gegenstand und rappelte sich auf – dann warf er sich gegen die Tür, um wirklich sicher zu gehen, dass sie auch zu war und geschlossen blieb. Er stakste die Treppe herauf und sah den Alten erwartungsvoll und misstrauisch in seinem Türspalt stehen. Mit den müden Worten „Ich kauf Ihnen ne Neue“ drückte Al ihm die Lampe in die Hand und fühlte sich von Larssons bösem Glasbausteinblick verfolgt, als er sich auf den mühsamen Aufstieg in den 5. Stock machte.
Im 3. Stock hörte Alex ein Krachen und anschließend das Fluchen einer weiblichen Stimme. Im 4. Stock empfing ihn ein Hundebellen und im 5. Stock das daraus resultierende gespannte Mondgesicht seiner Klientin. Mit großen runden Augen sah sie ihm entgegen und suggerierte ihm mit einem wilden Armwedeln, doch endlich loszuschießen.
Alex streckte den Arm aus und ließ den Kellerschlüssel in ihre Hände fallen. Er setzte an, holte Luft und stieß endlich hervor:
„ – Definitiv eine Untersuchung wert.“
„Also haben Sie es auch –!“, rief Eudelia halb entsetzt, halb begeistert.
„Jajajaja“, würgte Alex sie ab und war schon wieder auf dem Weg nach unten. „Sie, …Sie hören von mir!“
„…Auf Wiedersehen!“, hörte er eine zaghafte, Eudelische Stimme hinter sich rufen.
Mit leerem Gesicht und flauem Gefühl im Magen bewältigte Alex die fünf Treppen und wurde auf den letzten Metern schlussendlich auch noch umgerempelt. Das Mädchen kam aus dem 2. Stock geschossen und schien es ziemlich eilig zu haben; als Alex auf dem Boden saß und sich fragte, was ihn nu getroffen hatte, plapperte sie nur „Scheiße!“ und „Hey, Sorry“ und war auch schon aus der Tür.
„…Passt scho“, hob der Detektiv den Finger, als die Tür längst wieder zu war. Beim Aufstehen hörte er seinen Rücken knacksen; dann fiel sein Blick auf das Buch. Er hob es hoch, es war eine schwarze Chinakladde mit roten Ecken, und es war allerlei mit Glitzergelstiften daraufgekritzelt. Al würde den Teufel tun, noch mal nach oben zu gehen oder dem Mädel hinterher zu rennen. Wer war er denn! Er beschloss, das Buch als Beweisstück Nr. 1 zu behalten. Dann bemerkte er, dass der alte Larsson wieder in der Tür stand. Das warvermutlich seine einzige Freizeitbeschäftigung.
Der Detektiv hob das Buch, „Wissen Sie vielleicht –“, und die Tür knallte wieder zu.
„Besten Dank auch“, murmelte Al und floh aus dem Irrenhaus .
- - -

Alex fuhr zur nächstgelegenen Kneipe.
Er brauchte etwas zu trinken. Er setzte sich auf einen Barhocker und bestellte eine…Milch. Der Wirt reichte ihm das Glas über die Theke.
„Sie sind ja ein ganz Wilder.“
Alex zuckte mit den Schultern – er musste noch fahren. Sein Berufsfeld verlangte Mobilität, Flexibilität, Spontaneität. Da konnte er es sich keinesfalls leisten, seinen Führerschein zu verlieren. Er trank also in aller Seelenruhe seine Milch und dachte darüber nach, was er gesehen hatte.
Der Satz „Es gibt für alles eine logische Erklärung!“ ist in den seltensten Fällen hilfreich.
Zuallererst mussten in dem Kellerraum genügend funktionierende Lampen angebracht werden. Und dann… gab es immer noch nichts, was Alex’ Sinneseindrücke – die Geräusche, die Schmerzen – erklären konnte. Er war verwirrt.
Er beschloss, mit einer Naturwissenschaftlerin darüber zu reden. Er bezahlte den skeptischen Wirt für seinen Kuhsaft und trat wieder hinaus auf die Straße. Und da bekam er seinen heiß ersehnten Ermittleralltag.
Das erste, was er sah, war der Glatzkopf mit dem Baseballschläger.
Wie mit einem Kameraschwenk, bei dem das Bild verwischt, sah Alex zu seinem Auto und bekam Sodbrennen. Nicht zuletzt verriet ihm aber seine lebhafte Fantasie, dass es sein Kopf hätte sein können, der dieses riesige, unschöne Loch in seiner Windschutzscheibe fabriziert hätte, wäre er früher mit seiner Milch fertig gewesen.
Richtig klassisch begann der bullige Kerl mit der dunkelgrünen Bomberjacke den Baseballschläger in seine offene Hand zu klatschen. Patsch. Patsch. Neben ihm tauchte ein schmaler, frettchenhafter Typ auf, dessen Grinsen unausgelebte Aggressionen verhieß.
Fehlt nur noch der kleine, italienische Anführer mit weißem Hut und Zigarre, überlegte Alex und dann dachte er, Was tun?
Die beiden Schläger setzten sich langsam in Bewegung.
Okay, ich habe keine Waffe, aber ihr würdet staunen, was ich mit einem Zahnstocher und meinem linken Daumen alles anstellen kann.
Zwei gegen einen ist im Actionfilm absolut legitim, denn der Held der Geschichte ist immer 10x stärker als alles andere.
Ich schreie um Hilfe und mache mich zum Affen.
Ach, Unsinn, ich bin zivilisiert und dies ist keine Fiktion, also werde ich den Herren wohl erklären können, dass das alles ein Missverständnis ist, eine dumme Verwechslung und ich…
Ich sollte wegrennen.
„Scheiße“, murmelte Alex und als er loslief, nahmen die sympathischen jungen Herren die Verfolgung auf.
Der Detektiv rannte um eine Häuserecke und stieß fast eine alte Dame mit Gehhilfe um, deren Flüche ihn noch mehrere Meter begleiteten. Als er atemlos einen Blick zurück warf, sah er, wie die Frau wild schimpfend mit dem Finger hinter ihm her zeigte und einem glatzköpfigen Herren erklärte, dass dieser Mistkerl sie gerade fast umgebracht hätte.
Das Frettchen spurtete mit geducktem Kopf und kam schnell näher, in seiner Hand glänzte ein metallener Gegenstand. Wieder spürte Alex seine Lunge und gab kurz darauf pfeifende Laute von sich, die einen Passanten dazu veranlassten zu fragen, „Hey, Opa, brauchen Sie vielleicht Hilfe?“
Alex spürte irgendwo einen Stich – er vermochte nicht zu sagen, ob dieser Stich ausgelöst wurde von der Tatsache, dass der Passant gerade ein Mofa besteigen wollte, oder von der Feststellung, dass er Alex eben Opa genannt hatte. Er beschloss –
„Ja, Sie können mir tatsächlich helfen“, keuchte Al und rammte den jungen Mann zu Boden, schwang sich jugendlicher, als er sich fühlte, auf das Mofa und ratterte auf die Straße. Er befürchtete erst, dass die Gerätschaft so langsam fuhr, dass die zwei Verfolger und nun auch der überraschte Vorbesitzer ihn zu Fuß einholen würden, aber er gewann rasch an Geschwindigkeit, und das reißende Gefühl in der Lunge ließ nach.
Was am meisten schmerzte, war von nun an der verletzte Stolz.
Er hörte Stimmengewirr hinter sich, zwei oder drei dunkle Männerstimmen, und dann das Starten eines Automotors. Alex fluchte und fluchte und machte eine Vollbremsung. Ampel. Ampel rot.
„Schau’n Sie gefälligst auf die Straße!“, blökte eine Frau, die die Straßenseite wechselte. Verdattert starrte Alex geradeaus und wippte nervös mit dem Kopf auf und ab. Später würde er gefragt werden, Verdammt, wer hat je davon gehört, dass jemand bei einer Verfolgungsjagd vor einer roten Ampel HÄLT?!
Alex wusste das nicht, denn dies war seine Jungfern-Verfolgungsjagd. Die Ampel sprang um, als der Wagen der Jäger ihn fast erreicht hatte und der Detektiv holte alles raus, was sein Baby hergab. Es war nicht viel, wie er feststellen musste, und das zwang ihn zu einer Verzweiflungstat, und zwar am nächsten Kreisverkehr. Kreisverkehre waren so ziemlich die dümmste Erfindung des Verkehrsministeriums, die Alex sich vorstellen konnte – es gab sie praktisch überall. In den Städten sowieso, aber wozu verdammt brauchte man einen Kreisverkehr auf einer Landstraße mitten in der Pampa?
Aber er befand sich nicht in der Pampa – er befand sich vor einem Kreisverkehr mitten in der City und hatte ein mordlustiges Pärchen im Nacken, und er saß auf einem scheiß-langsamen Mofa. Alex presste die Lippen zusammen, gab Gas bis zum Äußersten und fuhr über die Insel im Kreisverkehr, anstatt um sie herum. Bruce Willis hätte keinen Oscar dafür bekommen, aber in der realen Welt eine Geldstrafe, Sozialstunden und den ultimativen Führerscheinentzug. Alex nahm das alles billigend in Kauf, hörte aber mit wachsendem schlechtem Gewissen, wie hinter ihm Blech auf Blech schlug und ein lautes Hupkonzert begann. Alex musste das Mofa unbedingt loswerden. Eine Gesichts-OP wäre momentan auch nicht schlecht.
Alex entdeckte das Schild für eine U-Bahn-Haltestelle und brachte sein Fahrzeug schlitternd zum Stehen. Er sprang ab, das Mofa kippte um und schlug an seinen Knöchel, er hüpfte mit schmerzverzerrtem Gesicht vorwärts und ließ das Mofa im Rinnstein liegen. In der Ferne erschallten die ersten Forderungen nach
„POLIZEI!“
„Oh, ja. Perfekt. Genau das, was mir noch gefehlt hat“, knurrte der Detektiv und lief durch eine Einbahnstraße auf die U-Bahn-Station zu. Quietschende Autoreifen verhießen, dass seine Verfolger hinter ihm angehalten hatten.
Alex rannte zwei Treppen hinunter und die Temperatur sank um mindestens 10°C. Er stolperte auf die Warte-Plattform und spürte den eisigen Luftsog aus dem U-Bahn-Tunnel. Passanten musterten den atemlosen, bibbernden, keuchenden Neuankömmling skeptisch, vermuteten dann aber, dass er sich wohl beeilt hatte, um die Bahn noch zu kriegen.
Schnelle, polternde Schritte hallten im Treppenhaus wider, gehetzt drehte Alex sich um und rannte in Richtung der anderen Treppe, die etwa hundert Meter entfernt lag. Ein dumpfes, heulendes Geräusch kündigte die herannahende U-Bahn an.
Alex stoppte, stolperte, fiel hin, rappelte sich auf und ging hinter einem Snackautomaten in Deckung – er hatte das Frettchen die Treppe hinunter kommen sehen. Und von der anderen Seite stapfte der Glatzkopf heran, jetzt ohne Baseballschläger, der hatte womöglich etwas zuviel Aufsehen erregt, aber in seine dicken, starken Arme wollte der Detektiv trotzdem nicht geraten.
Noch konnten die Jäger den Gejagten nicht sehen. Er lehnte an der kalten, stählernen Rückseite des Automaten und suchte mit rasselndem Atem nach einem Ausweg.
„Möchtest du ein Bonbon?“
Alex’ Kopf fuhr herum. Vor ihm stand ein kleines, pausbäckiges Mädchen mit rosa Wollmütze. Es lutschte andächtig an einem Lolli herum.
„Nein, ich möchte kein Bonbon, geh bitte weg.“
„Wenn du Husten hast, musst du ein Bonbon lutschen.“
„Ich habe keinen Husten.“
„Aber du bist krank!“
„VERSCHWINDE.“
„Mama? Darf ich dem Mann ein Bonbon –?“
Das Kind sprach plötzlich unglaublich laut und deutete mit dem Lutscher auf den verzweifelten Alex. Die Mutter starrte ihn mit großen Augen an und zerrte ihr Kind an sich, „Nein, Hillary-Margarete, sprich nicht mit fremden Männern –“
Und da hatten zwei andere fremde Männer den hustenden, kranken Mann auch schon entdeckt. Die U-Bahn hielt auf der gegenüberliegenden Seite. Die Männer begannen zu laufen. Alex duckte sich und huschte in die eine Richtung am Treppenhaus vorbei. Glatzkopf machte kehrt und rannte mit Frettchen in Alex’ Richtung. Der lief im Slalom um die stützenden Säulen herum und bückte sich hinter einer Absperrung. Er sah, wie Glatzkopf und Frettchen links und rechts nach ihm Ausschau hielt.
Ein Piepen ertönte. Alex biss die Zähne zusammen, spurtete los und sprang in den letzten U-Bahn-Waggon, als sich die Türen auch schon hinter ihm schlossen.
„Möchtest du JETZT ein Bonbon?“, fragte eine vertraute Kinderstimme in Kniehöhe.
Alex ging gar nicht darauf ein, schleppte sich zu einem freien Einzelplatz und ließ sich einfach fallen. Aus den Augenwinkeln sah er zwei wütende Kerle mit wedelnden Fäusten hinter der Bahn herstürzen, die sich endlich in Bewegung setzte.
Langsam kam Al wieder zum Atmen.
Verdammt, was war das denn? Wenn es eine verdammte persönliche Angelegenheit war, mussten ihm die Typen schon seit Eudelias verdammtem Irrenhaus gefolgt sein. Wenn nicht – dann hätten sie sich wohl kaum die Mühe gemacht, ihn durch die verdammte halbe Stadt zu jagen. Scheiße, Scheiße, Scheiße.
Wohin fährt diese Bahn überhaupt?
„Fahrkartenkontrolle!“
Ein Bediensteter der Bahn mit Anorak und Kartenlesegerät blieb neben dem Ermittler stehen.
„Ihre Fahrkarte, bitte.“
Alex machte sich nicht einmal die Mühe, seine Taschen nach irgendwas abzutasten. Sein Gesicht sprach Bände.
„Ach, das macht fast GAR nichts“, plauderte der Kontrolleur jovial. „Die Polizeistation ist ja schon an der nächsten Haltestelle!“
Al versank noch tiefer in seinem Sitz. Einige Plätze hinter ihm sagte eine gedämpfte, aber dominante Frauenstimme zu Hillary-Margarete, dass man SOLCHEN Kerlen JA NICHT trauen dürfe.
- - -

Alex knallte die Tür hinter sich zu und fiel aufstöhnend in seinen Bürorollstuhl. Die Tour zum Polizeirevier war schon peinlich genug gewesen, aber zumindest konnte er gleichzeitig die Beschädigung seines Wagens anzeigen.
Aber dass er sich in der Innenstadt verlaufen hatte, zwei Stunden im Regen herumrennen musste und erst nach mehrmaligen Fragen auf den richtigen Weg zum Bahnhof hingewiesen wurde, das hatte, fand Al, aber nicht unbedingt sein müssen. Er tat, was er sonst nie tat – er legte die Füße auf seine blank polierte Schreibtischoberfläche – und versuchte, die Sache positiv zu sehen. Er hatte einen Fall!
Aber was für einen Fall. Ein Fall, über den er nachdenken musste, weil der Fall bisher wirklich nicht viel Sinn ergab. Es gab keine Leiche, keinen eifersüchtigen Ehemann, keine geplatzten Schecks, denen man irgendwie nachgehen konnte. Er hatte schon jetzt keinen Bock mehr.
Die Tür ging auf und –
„Alex?“
- schleuderte das stehen gelassene Glas Tomatensaft in diese Richtung, es spritzte, es klirrte, als das Glas auf dem Boden auftraf, und dann herrschte einen Moment lang Stille. Emma stand mit geöffnetem Mund im Türrahmen. Sie hob langsam den Zeigefinger und hauchte:
„Ich komm dann später noch mal wieder!“
Die Tür schloss sich fast lautlos, Schritte eilten über den Flur, eine andere Tür öffnete und schloss sich, und Alex atmete auf. Das hätten wir. Also gut. Bestandsaufnahme.
Er klopfte seine Taschen ab und zog aus dem Innenfutter seiner Jacke eine schwarze Kladde hervor. Es war das Notizbuch, das das Mädchen im Irrenhaus verloren hatte. Al kannte sich mit Jugendlichen nicht besonders gut aus, vermutete aber, dass sie es nicht unbedingt mochten, wenn man in ihren Tagebüchern herumschnüffelte.
Aber schließlich war er Detektiv. Und es war sein einziges Beweisstück.
Worüber mochten Frauen in dem Alter schreiben? Kerle? Musik? Drogenprobleme?
Alex schlug den Deckel auf. Ganz unten auf der ersten Seite war eine kurze Notiz gekritzelt: 451°Fahrenheit = Temperatur, bei der Papier anfängt zu brennen.
Hm. Er blätterte weiter.
Der Detektiv fuhr in seinem Wagen durch ein unwirtliches, verlassenes Viertel der Stadt. Der Regen prasselte auf das Blechdach und lief in Strömen die Scheiben hinunter. Die Scheibenwischer kamen schon lange nicht mehr dagegen an.
Aha. Eine kleine Krimiautorin. Na, ja.
Der Detektiv zündete sich eine und dann waren die Zeilen durchgestrichen. Darunter stand in roten Buchstaben: WAS IST TYPISCH FÜR EINEN PRIVATDETEKTIV?
„Kann ich dir sagen, Mädchen“, brummte der Privatdetektiv. „Chronische Armut, penetrante Nachbarn und durchgeknallte Klienten.“
- - -

Emma knallte die Tür hinter sich zu und presste sich dagegen.
Louise, die Sprechstundenhilfe, sprang auf und schlug sich die Hand vor den Mund. Die alte Dame und die Mutter mit Kind bei der Anmeldung schnappten entsetzt nach Luft.
Emma sah an sich herab.
„Oh, dass, eh…nur eine kleine Fleischwunde. Keine Panik!“
Sie rannte an den verwirrten Frauen vorbei, zog sich dabei den blütenweißen Kittel mit den tomatensaftroten Flecken vom Körper und verschwand in ihrem Büro. Louise setzte ihr gewohntes, vor Verzweiflung triefendes Lächeln auf und wandte sich den Patientinnen zu.
„Ja, HAHA - kann ich Ihnen helfen!?“

---------------------------------------------------------------------


aurelie.2

Aurelie trug zwei Pullis, eine Cordjacke, einen Schal, eine Strumpfhose, eine Stoffhose, Winterstiefel, Handschuhe, eine Bommelmütze und sie fror erbärmlich.
Die winterliche, frostige Luft zerrte an ihrem Gesicht, sie spürte, wie ihre Wangen sich röteten und der Rotz unter ihrer Nase zu formschönen Eiskristallen erstarrte. Jedes Mal beim Einatmen wurde ihre Nase einen Rotton dunkler, des Mal beim Ausatmen kondensierte eine kleine weiße Wolke vor ihrem Gesicht und der heiße Atem verflüchtigte sich mit dem eisigen Wind. Es war kalt genug, um Gelenke erstarren zu lassen, es war zu kalt, um sich in irgendeiner Weise schmerzlos fortzubewegen, aber gerade diese Kälte trieb Aurelie zum Rennen an.
Sie bog um eine Ecke, drückte den Metallknauf einer Ladentür, hörte ein weihnachtliches Bimmeln und betrat göttliche Wärme.
Im ersten Augenblick hatte Aurelie das Gefühl, ihr Gesicht würde aufplatzen wie eine Eisschicht in der Sonne, doch dann war der Schreckmoment vorbei, sie taute auf, entledigte sich nacheinander ihrer Schutzkleidung und vergaß das Dezemberwetter. Während sie die Klamotten in ihren Rucksack stopfte, schloss sie die Augen und atmete tief durch die Nase ein.
Der Duft alter Bücher.
Ein bisschen muffig, ein bisschen wie warmes Holz. Ein bisschen nach Moos und Tanne. Trocken und mild. Ein warmer Geruch, wie ein Parfüm, oder als hätte jemand zwischen den Blättern der Bücher Blumen getrocknet. Die Seiten – rau, wie ein leichter Puder, den man aufträgt, ein Vanillearoma, sanft. Ein weicher Geruch.
Wenn sie das Antiquariat betrat, erfasste Aurelie jedes Mal das Gefühl, nach Hause zurückzukehren, von einer wilden Reise durch eine Welt, die einfach zu oberflächlich und dumm war, um real zu sein. Die Bibliothek allerdings war strukturiert, durch das Alphabet, durch Themen, durch Gefühlszustände.
Sie wollen sich einmal richtig ausheulen? Wenden Sie sich nach links, dieses Exemplar wird Sie zum Schluchzen bringen; nicht nur ein kitschiges Stück Arbeit!
Oder lieber etwas erheiterndes, Ironisches, das das Gehirn nicht zu sehr beansprucht? Dritte Reihe, zu Ihrer Rechten, das mit dem roten Umschlag.
Sie werden auch Geschichten finden, die Sie fluchen, erschaudern lassen, die Sie zum Lachen bringen und Sie empören, die Sie vergessen lassen, wo, wann und sogar wer Sie sind, die Sie erkennen lassen, wie schön das Leben ist, wie nutzlos das Leben ist, die Sie erkennen lassen, dass sich niemand wirklich kümmert, außer diejenigen, die etwas von Ihnen verlangen, seien es Geld oder Liebe.
Diese Aufzählung liefert weiterhin einige gute Erklärungen dafür, warum viele Leute Bücher vergöttern, und warum andere sie zum Brennen verurteilen. Aurelie gehörte, wie wohl klar geworden ist, zu der ersten Sorte Leute.
Der Verkaufsraum des Antiquariats bestand allein aus einem kleinen Schreibtisch, der von Regalen gesäumt war. Es gab eine uralte Kasse, die sich nahtlos ins Ambiente einfügte. Alles in dieser Bücherei war alt. Man fand hier nicht die Top-Bestseller der Woche oder Biographien von gelifteten B-Promis. Geballtes, altes Wissen kompensiert auf knapp 30 Quadratmetern, mit alten Regalen, aus altem Holz, der alten Kasse und einem alten Ohrensessel.
Der Besitzer der Altbuchhandlung war, wie man es sich nur wünschen konnte, ein alter, weiser Mann. Er schien, wenn er nicht einem Roman entsprungen war, zusammen mit den Büchern die Jahrhunderte überdauert zu haben und niemals jung gewesen zu sein. Äußerlich zumindest.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
Der Bibliothekar humpelte langsam aus den Schatten der Regale hervor. Er ging in leicht gebückter Haltung, den rechten Arm auf einen Stock gestützt, weil das rechte Bein nicht mehr so wollte.
Er trug einen hellbraunen, karierten Anzug und eine dunkle Cordhose. Seine Haare waren wirsch und weiß, ebenso wie sein Bart. Kleine runde schwarze Augen hinter Brillenglas. Markante schwarze Augenbrauen, die dann und wann belustigt nach oben schossen.
„Ja“, antwortete die junge Dame. „Etwas Spannendes, einen Krimi, mit viel Mord und Intrigen, aber mit plausiblem, fundierten Hintergrund. Man sollte nicht schon auf Seite 3 wissen, wer mit wem zusammenkommt. Er sollte neue Ideen, unbehandelte Probleme und das perfekte Verbrechen beinhalten.“
„Interessant, in der Tat. Nun, da brauche ich weder mein sehr außerordentliches Gedächtnis, noch meinen nahezu lückelosen Katalog zurate ziehen, um Ihnen versichern zu können, dass es so eine Geschichte nicht gibt. Da müssen Sie sich so etwas schon selber schreiben!“
Aurelie erhob dramatisch die Hände zur Sterbeszene.
„OH, SCHMACH. Das LOS des Schriftstellers. Erschafft er etwas neues, schreckt er die breite Masse ab. Schreibt er aber den Erwartungen entsprechend, wird er als billiger Abklatsch verschmäht.“
Jetzt grinste der Bibliothekar und legte seinen geschäftsmännischen Habitus ab. „Guten Tag erst einmal, Madame L’auteur. Was hat dir heute die Laune vermiest?“
Aurelie fiel in den Ohrensessel vor dem großen Schaufenster, an dem sich Eiskristalle gebildet hatten.
„Schreibblockade.“
„Oha. Gleich das Ärgste?“, schmunzelte der alte Mann und goss aus einer fein verzierten Porzellankanne dampfenden roten Tee in zwei Tassen.
„Es ist ein ernsthaftes Leiden! Es verursacht nervöse Zuckungen, cholerische Anfälle und chronische Depressionen. Ich möchte mich wie ein Fötus unter dem Schreibtisch zusammenkauern und weinen.“
Der Bibliothekar tippte mit dem Zeigefinger an sein bärtiges Kinn und gab sich nun die Erscheinung eines Siegmund Freund.
„Du nennst mir da sehr ausgeprägte Symptome genannt. Vermutlich wirst du als nächstes jemanden umbringen.“
Aurelie wackelte mit den Füßen und ließ sich die ganze Sache durch den Kopf gehen.
„Eigentlich gar keine schlechte Idee.“
Bilder flackerten vor ihren Augen, wie bunte Spiralen, die Bibliothek verschwamm. Aurelie schielte, als der Bibliothekar vor ihr eine Tasse abstellte.
„Grazie, Maestro.“
„Prego, Signorina.“
Aurelie nahm die heiße Tasse in beide Hände und inhalierte den Duft von Apfel-Zimt-Tee.
„Eigentlich müsste es Unterricht für Krimischreiber geben.“…

„…und weil hier mit Mathematik eh niemand was anfangen kann, gehen wir gleich zum nächsten Thema über: DAS PERFEKTE VERBRECHEN! Zählt bitte zuerst alle Tötungsinstrumente auf, die euch einfallen.“
„Messer.“
„Pistole und Schrotflinte.“
„Rohrzange. Heizungsrohr.“
„Ihr habt zu oft ,Cluedo’ gespielt. Geht’s nicht kreativer?“
„Skalpell. Löffel.“
„Klaviersaite. Cellobogen.“
„Pizzaschneider.“
„Dolche aus Eis. Lebkuchen vom letzten Jahr zum Erschlagen.“
„Akkuschrauber. Zementmaschine. Dampfwalze.“
„Tiefkühlhähnchen.“
„GUT, Flora!“
„Hey, das war meine Idee!“
„Gar nicht.“
„BRUT! DAFÜR WIRST DU BÜßEN!“
Aurelie springt, reißt einen Tisch um, schlägt ihn gekonnt über ihr ausgestrecktes Knie, sodass ein Tischbein abbricht, und läuft mit dem Stück Holz wie ein Speerwerfer auf Flora zu. Ein in der Zeitlupe verlangsamter DarthVader–Schrei killt die erwartungsvolle Stille des Klassenzimmers und Aurelie bohrt Flora den frohlockenden Pflock durch die schneeweiße Bluse. Aus dem Rücken tritt das Holstück wieder hervor und etwas Blut spritzt gewitzt auf die Tische der faszinierten Mitschüler.
Die Zeitlupe hört auf, Aurelie wischt sich zufrieden die Hände ab und setzt sich wieder an ihren Platz. Die Mitschüler klopfen anerkennend auf ihre Tische.
„Das war eine sehr schöne Präsentation eines Totschlags aus Affekt!“, lobt die Lehrerin. „Vielen Dank, Aurelie!“
Flora schaut abwechselnd auf das Holzbein, das aus ihrer Brust ragt, und über ihre Schulter, um das andere Ende zu sehen.
„Na, toll. Weißt du, wie Blutflecken aus weißer Seide rausgehen?“
„Gar nicht!“, sagt Aurelie fröhlich.
„Ja, das stimmt!“, nickt die Lehrerin. „So. Und morgen zeigt uns Janina, wie weit man jemandem einen Gitarrenhals in den Rachen schieben muss, bis der Erstickungstod eintritt. Wer möchte gern das Opfer sein?“ …

… Der Bibliothekar beobachtete belustigt, wie sich ein seliges Grinsen auf Aurelies Lippen wand. Ihre Augen waren milchig, kehrten aber langsam in die Wirklichkeit zurück und fixierten dann die zwei goldenen Glöckchen an der Decke, die beim Eintritt eines Kunden „Hallelujah“ bimmelten.
„Na? Ist dir jetzt doch etwas eingefallen?“
Aurelie dachte noch einmal über die Worte ,Stuhlbein’, ,Gitarrenhals’ und ,Tiefkühlhühnchen’ nach und schürzte die Lippen.
„Ich fürchte, nicht! Selbst, wenn ich die richtige Mordmethode und den richtigen Mörder hätte, bräuchte ich immer noch ein MordMOTIV, oder?“
„Das wäre förderlich für die Auflösung des Krimis, ja. Trink deinen Tee, er wird kalt.“
Aurelie nahm einen Schluck, knallte die Tasse auf den Tisch zurück und presste die Hand vor den Mund.
„FNGE VRBRANNT, FNGE VBRANNT!“
Der Bibliothekar schüttelte den Kopf und stand auf. „Wenn du nicht an inneren Verbrennungen stirbst… nimm dir Papier und Stift und schreibe einfach, sonst explodiert du noch.“
Aurelie faltete ihre Zunge, bis das Kribbeln etwas nachgelassen hatte.
„Hn. Hm. Rhm… Wenn ich jetzt einfach schreibe, kommt da eh wieder nur Schrott raus.“
Bevor der Bibliothekar in den Schatten seiner Regale verschwand, hielt er nachdenklich inne und sagte, den Blick in die Dunkelheit gerichtet:
„Aber es wäre doch arrogant zu erwarten, dass alles, was du schreibst, vom ersten Augenblick an die Verkörperung der Perfektion ist?“

Im Jahre Siebzehnhundertund war ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe einmal bei seinem Schriftstellerkollegen Schiller zu Gast. Allen saß er im Arbeitszimmer seines Freundes und ein merkwürdiges Gefühl der Übelkeit drängte sich ihm auf. Die Wurzel des Übels fand sich in Schillers Schreibtischschublade: ein verfaulter Apfel, ohne dessen Geruch der Meister nicht schreiben konnte.
So, wie Schiller den Apfel brauchte, brauchte Aurelie den Duft von alten Büchern.
Deswegen besuchte sie regelmäßig das Antiquariat, und abgesehen von dem geliebten Geruch gab es dort Luxusgüter wie Stille, Ungestörtheit, Atmosphäre, kostenlosen Tee und Menschen, die nicht gleich befremdet das Gesicht erzogen, wenn sie ein einsames junges Mädchen mit Notizbuch sahen.
Der Auffassung der meisten Leute nach mussten Jugendliche entweder Bier trinkend an öffentlichen Plätzen herumhängen, Zigaretten klauen oder ihre Zeit auf irgendeine andere störende Weise verplempern. Aurelie sah das als Berufschance, in ihrer Generation schien es nicht viel Konkurrenz für werdende Schriftsteller zu geben.
Aurelie öffnete ihre Tasche, griff nach dem Notizbuch und fand keines. Scheiße.
Aurelie sah nach links und rechts und leerte die Tasche auf dem kleinen Cafétisch aus. Portemonnaie, Handy, lippenaustrocknender Lippenpflegebalsamstift, Bonbonpapier, Anspitzerabfälle. Ach, Scheiße, doch nicht jetzt! Wo hab ich das letzte Mal geschrieben?
Zuhause. Caféhaus. Schule. Oh, Gott, hoffentlich hat keine dieser hirnverbrannten Pissfletschen das Buch mit nach Hause genommen und – schlimmer noch – meine Ergüsse gelesen! Oh, Scheiße.
Vielleicht liegt es ja doch zu Hause.
Vielleicht auch nicht.
Ach, Schnauze.
Das Ärgerliche war, dass Aurelie gerade das Gefühl hatte, in ihrer Geschichte vorangekommen zu sein. Die einzige Niederschrift befand sich jedoch im fehlenden Notizbuch. Genau wie die Diskussion, die Aurelie gestern mit ihren Freundinnen und Mit-Philosophinnen geführt hatte.

„Typische Merkmale für einen Krimi?“
„Tod. Tod, Verderben und eine gute Story. Und ein guter Titel. So wie…“
„,Der Tod’.“
„Ja.“
„Schachtrufe. Mörder haben lange Nasen.“
„Hä?“
„Was? Oder wie heißt das?“
„Lange Beine?“
„Hä?“
„Mörder haben lange Beine. Nein, Lügen haben…“
„Lügen haben kurze Beine.“
„Ihr verwirrt mich!“
„Und wer ist der Mörder?“
„Der Gärtner. Gott.“
„Immer jemand, der etwas mit der Frau zu tun hat.“
„Welche Frau?“
„Na, es spielt ja wohl eine Frau mit, oder nicht?“
„Äh…ja. Aber eigentlich hab ich noch gar keinen Mord.“
„Was? Also ein guter Krimi braucht einen Mord!“
„Ach, Scheiß-Klischeevorstellungen.“
- - -



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung